Welt am Sonntag
Ausgabe vom 16. September 2007
Deutschlands Schönheitskliniken werben um gutverdienende Männer als
neue Zielgruppe
Sie leiden an schlaffer Haut, Stirnfalten und sogar an ihrer Oberweite: Jetzt wagen sich auch Männer zum Schönheitschirurgen. Die Ärzte freut es, denn die Herren sind in aller Regel Führungskräfte. Viele reden nur ungern über ihre OP
Oliver Skora steht längst über den Lästereien. Was hat er nicht schon
alles Boshaftes und Anzügliches gehört über Männer, die sich freiwillig
unters Messer legen. Für eine Schönheits-Operation! Er ist einer von
ihnen, hat sich vor zwei Jahren seine Nase – wie es in der Branche heißt
– „machen“ lassen. Für 6000 Euro. Und darüber ist Skora glücklich, er
sieht sein Geld gut angelegt. „Mir ist egal, wie andere Leute das
finden. Ich find’s toll, fühle mich jetzt viel wohler als früher“, meint
der 40-jährige Trickfilmzeichner aus Wuppertal.
Tausende Männer in Deutschland gehen inzwischen zum
Schönheits-Chirurgen. Doch Mann redet – anders als Frau – ungern drüber.
Die Zahlen allerdings zeigen es deutlich: „In den vergangenen eineinhalb
bis zwei Jahren hat sich der Anteil der Männer unter meinen Patienten
verdoppelt“, sagt Wolf Luerßen vom Marktführer Clinic im Centrum (CiC).
Die lange Zeit als „Damenschneiderei“ verrufene Branche hat die Herren
entdeckt.
Schon 20 Prozent der Patienten in dieser Milliarden-Branche sind Herren,
meist zwischen 40 und 50 Jahre alt, überdurchschnittlich gut gebildet
und wohlhabend, mutmaßlich auch überdurchschnittlich eitel. Nach einer
Emnid-Untersuchung glauben 80 Prozent der Männer, dass sie immer mehr
nach ihrem Äußeren beurteilt werden. Dass seit 2000 das Schönheitsideal
„Waschbrettbauch“ sogar im Duden steht, macht die Sache für die Männer
nicht einfacher. Ebenso wenig, dass sich Prominente wie Al Pacino,
Salman Rushdie oder Silvio Berlusconi verschönern ließen.
„Männer glauben, im Beruf mehr Erfolg zu haben, wenn sie jung und
sportlich wirken. Deshalb kommen sie zu uns“, glaubt Luerßen. Früher
verdiente der Mediziner sein Geld auf einem Rettungshubschrauber. Über
die Operation von Patienten, die nach Tumor-Operationen entstellt waren,
kam er zur Plastischen Chirurgie. Jetzt zückt er das Skalpell nur noch
für die Schönheit.
Viele Erfolgsmänner jenseits der 40 meinen heute, schön, sportlich und
schlank wirken zu müssen, um in Sitzungen mit den Jungspunden im
Karriere-Rennen noch mithalten zu können. Neben den Augenlidkorrekturen
ist die Fettabsaugung das, was Männer am häufigsten wollen. Der Karriere
wegen wird in die eigene Fassade investiert.
Wer optische Schönheitsfehler für eine natürliche Folge des Alterns
hält, ist offenbar von gestern. Selbst Oberweiten-Reduzierungen – nach
Branchenangaben hat mindestens jeder dritte Mann vergrößerte Brüste –
und Bauchdeckenstraffung beim Mann gehören inzwischen zu den
Verkaufsschlagern in den Schönheitskliniken. Halbglatze, Hängebacken,
Höcker- oder Papageiennase, Tränensäcke, Schlabberkinn oder Truthahnhals
– es gibt fast keine körperliche Unzulänglichkeit an den
Entscheidungsträgern der deutschen Wirtschaft, die die Ästheten unter
den Chirurgen gegen Rechnung nicht beseitigen können.
Für manche Männer wird die Nachbearbeitung mit dem Skalpell indes zur
Sucht: Sie versuchen, eine Körperpartie nach der anderen perfektionieren
zu lassen. „Diese Patienten sind dann kein Fall mehr für uns, sondern
für den Psychologen. Charakterliche Fehler oder Probleme mit dem
Selbstwertgefühl können wir nicht wegoperieren“, sagt Doktor Luerßen.
Comiczeichner Oliver Skora hält sich nicht für suchtgefährdet. Er hat
die 6000 Euro für die Nase nicht für seine Karriere investiert, sondern
um ein Missgeschick zu korrigieren. Als sechsjähriger war er im Freibad
aufs Gesicht gestürzt, seither passte ihm die eigene Nase nicht mehr.
„Und dann hatte ich irgendwann Geld und habe mir diesen Traum erfüllt.“
Das reicht ihm.
„Ich könnte mir noch die Falten wegmachen lassen. Aber das will ich gar
nicht. Ich bin froh, dass ich die Operation hinter mir habe. Der Mensch
altert halt.“ In seinem Bekanntenkreis ist Skora der Einzige, bei dem
ein Schönheitsdoktor mit dem Skalpell tätig war.
Das Geld für die Operation hatte er ausgerechnet mit der Arbeit für den
Film „Werner“ verdient – einer Figur, mit einem Zinken im Gesicht, der
locker für drei Nasen reichen würde. Monatelang hatte sich Skora vor dem
Einschnitt in Internet-Foren informiert, schließlich wollte er nicht an
einen der vielen Scharlatane geraten. „Im persönlichen Gespräch wusste
ich dann sofort: Der ist es“, sagt der Zeichner. Roland Stahl von der
Kassenärztlichen Bundesvereinigung rät zudem, Angebote von einem zweiten
Mediziner oder Verbraucherschützern prüfen zu lassen – und nicht allzu
sehr auf den niedrigen Preis zu achten.
Vom Zwang zur ewigen Schönheit will Skora nichts wissen. Hans-Detlef
Axmann auch nicht, der als Chef der Klinik am Aegi in Hannover und
Vorstand des Berufsverbandes Deutsche Gesellschaft für Ästhetische und
Plastische Chirurgie, pro Jahr 1000 Schönheitsoperationen durchführt:
„Ich laufe schon seit 47 Jahren mit meiner schiefen Nase herum. Und
komme sehr gut damit klar.“ Die Spezialität des Doktors sind – Nasen.
Von Hagen Seidel






