An Bord
Veröffentlichung vom 02. Oktober 2009
An Bord berichtet über die ersten Erfahrungen auf der Mein Schiff von TUI Cruises und berichtet auch über das Angebot, das die erste schwimmende Clinic im Centrum auf diesem Kreuzfahrtschiff bietet.
Ist Mein Schiff mein Schiff?
„I’m sailing the ocean of love…” schallt es über die Außendecks. Rund 1400 Passagiere lauschen der von Anna Netrebko eingesungenen Schiffshymne und sehen erwartungsvoll den nächsten 14 Tagen entgegen. Auch Fred Friedrich nahm Kurs auf Spitzbergen.
Sie alle haben einem Katalog voller Versprechen vertraut. Von Inspiration, Individualität, vor allem aber von Service war dort die Rede. Von einem Schiff, das sich auch ohne viele Bilder nicht verstecken müsse, dafür noch nicht einmal einen Namen hatte. Um schließlich – eigentlich nur als Arbeitstitel gedacht – als Mein Schiff in Fahrt zu kommen. Nicht ganz problemlos: die knapp 780-köpfige Besatzung zu multikulti für die Bordsprache deutsch, der Zeitplan zu ambitioniert für alle anstehenden Arbeiten. Die trotz 33000 Liter verarbeiteter Farbe, fast 41000 Quadratmeter ausgewechselter Bodenbeläge und 5000 neu angeschaffter Einrichtungsgegenstände noch sichtbaren Schönheitsfehler sollten kurzfristig behoben, die Servicemängel schnellstens abgestellt werden. Machen wir die Probe auf’s Exempel.
Noch während „Mein Schiff“ durch die Kieler Förde navigiert, beginnt im Selbstbedienungsrestaurant „Anckelmannsplatz“ genau das, was es laut Katalog nicht geben sollte. Nämlich die hektische Schlacht am kalten (und warmen) Buffet. Mit Gedränge und Schlange stehen. Fünf Decks tiefer geht es wesentlich entspannter zu. Das Hauptrestaurant „Atlantik“ empfängt rund eintausend Gäste in edlem Ambiente: Wurzelholz getäfelte Wände, dunkle Möbel, helle Stoffbezüge, weißer Damast, Stoffservietten, funkelnde Gläser und glänzendes Besteck. Dazu eine imposante Showtreppe für den großen Auftritt. Und eine noch imposantere, zwei Decks hohe Glasfront mit einem fantastischen Rundumblick. Vor allem aber mit einem effektiven, freundlichen Service. Genau das richtige Umfeld für ein gepflegtes, mehrgängiges Dinner. Oben wie unten gilt freie Platzwahl und Tischgetränke zu den Hauptmahlzeiten inklusive. Mal selbst gezapft, mal mit einem Lächeln serviert. Und eben dieses wirkt bei den teilweise noch vorkommenden kleinen Sprachproblemen wahre Wunder.
Seetag
Zeit für „Spa & Meer“. Mit der größten Sauna auf den sieben Weltmeeren.
Mit Dampf- und Aromabädern, Haman und Rasul. Einem breiten Spektrum an
Sportkursen und dem in Kooperation mit der Deutschen Sporthochschule
Köln entwickelten Bewegungskonzept. „Meine Gesundheit“. Zweiundfünfzig
Seiten umfasst die Broschüre möglicher Behandlungen, Anwendungen und
Gesundheitschecks. Das Angebot der „Clinic im Centrum“ –
ästhetisch-kosmetische Korrekturen wie Faltenbehandlung, gezieltem
Fettabbau mittels Lipomassage oder Bleaching – ist darin noch nicht
einmal enthalten. Wer in andere Sphären entgleiten will, dem seien die
Alphaliegen des multisensorischen Künstlers „sha“ empfohlen. Durch das
„Zusammenwirken von Farbe, Form und Licht mit Klang, Vibration und
Wärme“ soll sich ein Zustand tiefster Entspannung einstellen, man fühle
sich körperlich und mental leicht und frei. Nachzuprüfen für 18 Euro (30
Minuten).
Majestätisch gleitet „Mein Schiff“ durch den Nordfjord, biegt in den Innvikfjord ab um schließlich in Olden anzulegen. Zwanzig Ausflugsbusse machen sich auf zum nahe gelegenen Jostedalsbreen-Nationalpark. Die meisten spucken ihre Insassen nach einer kurzen Fahrt am Briksdal-Restaurant wieder aus. Der gleichnamige Gletscher, einer der mächtigsten Europas, ist nach gut einer Stunde Fußmarsch erreicht. Aus der Ferne betrachtet, gleicht die endlose Kolonne einem bunten Fleckerlteppich – Regenschirme, Mützen und Kapuzen in allen Farben des Regenbogens. An der Gletscherzunge angekommen, erbarmt sich der Wettergott und schickt einige wenige Sonnenstrahlen durch die Wolken – Fotoapparate und Videokameras klicken und summen im Akkord. Kontrastprogramm an Bord: In der abendlichen Show „Ein Lied umgeht die Welt“ werden vier Jahrzehnte deutschen Schlagers auf die Schippe genommen – das Publikum ist mit Begeisterung dabei.
Um 18 Uhr überqueren wir den Polarkreis – für die nächsten sieben Tage geht die Sonne nicht mehr unter. Es kommt Unruhe auf: TUI Cruises hat die Route kurzfristig geändert – für Svartisen stehen nur knapp vier Stunden zur Verfügung. Und die sind durch die Verspätung von Mein Schiff gefährdet. Immerhin ist der 475 Kilometer lange Gletscher vom Schiff aus zu erkennen. Auch aus der Distanz macht er seinem Namen alle Ehre: Svartis heißt soviel wie Schwarzeis. Und dunkel, ja fast schmutzig präsentiert sich die bis zu 450 Meter starke Eisdecke. Was jedoch nur wenige davon abhält, sich mit dem Tender übersetzen zu lassen. Nur einige Wagemutige machen sich allerdings auf den Weg zum Gletscher selbst. Schade, gibt es doch nur dort das weltweit einzige Observatorium unter dem Eis. Und nur direkt vor Ort ist anhand aufgebrachter Jahreszahlen ersichtlich, wie sich der Svartisen in den letzten Jahrzehnten verändert hat. Die meisten begnügen sich mit einer kurzen Wanderung zum Engenbrevatnet-See und freuen sich auf Erbsensuppe, Glühwein oder Grog an Bord. Weniger schön: beide Pools und die Backbordseite des Joggingpfads sind wegen Ausbesserungsarbeiten gesperrt. Dafür ist Deck 14 gut besucht – niemand stört sich am Hinweisschild „Dieser FKK-Bereich ist für Ganzkörper-Sonnenanbeter gedacht.“
Hjertelig velkommen auf den Lofoten. Steil ragen bizarr geformte, bis zu eintausend Meter hohe Felswände aus der arktischen See. In ihrem Schutz liegen pittoreske kleine Fischerdörfchen. Borg mit dem 1981 entdeckten Resten eines Häuptlingshofes aus der Wikingerzeit. Oder das von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärte Nusfjord. Mittendrin immer wieder riesige Holzgestelle. Die meisten bereits leer, einige wenige noch voller kopfloser, aufgeschlitzter und bis zur Schwanzflosse ausgeweideter Fischleiber. Gut drei Monate dauert es noch, bis der Skrei (norwegisch für Dorsch oder Kabeljau) in Wind und Wetter zum Stockfisch wird. Dabei wird ihm das Wasser entzogen, Proteine, Vitamine und Mineralien bleiben vollständig erhalten. Das in den Souvenirshops angebotene „Lofotkonfekt“ – weichgeklopfter, portionsweise verpackter Stockfisch – findet wenig Anklang. Kein Wunder, Mein Schiff kredenzt zum Auslaufen frische Austern. Abends bleibt den Gästen im „Richard’s Feines Essen“ beim sechsgängigen Menü die Spucke weg. Sind sie doch direkt in das Krimi-Dinner „Where the wild roses grow“ eingebunden.
Gerührt oder geschüttelt?
Was ist das Geheimnis des „Uisge Beatha?“ Wonach riecht ein Merlot? Was
schmecke ich bei einem Chardonnay? Antworten auf all diese Fragen geben
das Cocktailtasting, die Whisky-Verkostung oder die Weindegustation.
Trockener geht es bei den Edutainment-Kursen „Word“ (9.30 Uhr),
„Powerpoint“ (14 Uhr), „Fotobearbeitung“ (16.30 Uhr) oder „Excel“ (20.00
Uhr) zu. Dazwischen die Workshops „Discofox“ oder „Kreativ.“ Alles
kostenpflichtig. Zum Nulltarif gibt es einen Vortrag zum Thema
„Hautverjüngung ohne Skalpell“, einen Ausblick auf unser nächstes Ziel
Spitzbergen und ein Früchtebuffet am Pool. Shuffleboard, Tischtennis,
Dart, Black Jack und Roulette nicht zu vergessen. Wer sagt, dass
Seereisen langweilig seien?
Lange Gesichter bei der Ankunft in Longyearbyen. Was hatte man
sich alles unter dem sagenhaften „Svalbard“ vorgestellt. Und jetzt
dieser trostlose Ort. Kohlegruben und ein Kraftwerk anstatt erhoffter
Eisberge. Dass der Nordpol lediglich knapp eintausend Kilometer entfernt
liegt, tröstet wenig. „Hier wird man entweder depressiv, zum Alkoholiker
oder suizidgefährdet“ bringt ein Mitreisender die Stimmung auf den
Punkt. Pünktlich zum Auslaufen reißt der Himmel auf. Das fahle
Sonnenlicht lässt die schneebedeckten Berge links und rechts des
Eisfjords geheimnisvoll schimmern. Und Kapitän Holms Durchsage, dass wir
am nächsten Morgen dank einer kurzfristigen Sondergenehmigung den sonst
nur kleinen Expeditionsschiffen vorbehaltenen Lillienhöök-Fjord samt
seinem Gletscher befahren dürfen, versöhnt endgültig.
Unterdessen beschäftigen merkwürdige Vorkommnisse das Personal.
Lebensmittel und Getränke verschwinden auf seltsame Weise aus den
Vorratsräumen. Des Rätsels Lösung: Ein blinder Passagier! Inhalt der
Dinnershow „Rondo Rossini“ im vollbesetzten „Atlantik.“
Punkt 5.30 Uhr klingelt der Wecker. Ein Blick aus dem Fenster lässt
wenig Gutes vermuten: dichte Nebelschwaden umwabbern Mein Schiff. Doch
kaum ist der 79. Breitengrad überquert, strahlen Sonne, Eisschollen und
Gletscher um die Wette. Untermalt von den „Peer Gynt Suiten“ von Edvard
Grieg. Kapitän Holm lässt sich reichlich Zeit, damit auch die
Langschläfer dieses Naturspektakel genießen können. Ein Tenderboot wird
zu Wasser gelassen. Schließlich sollen die Gäste mit echtem Gletschereis
auf diesen gelungenen Vormittag anstoßen. Nachmittags lädt Chefkoch
Rupert Kein zum Kochworkshop. Er muss wohl ein guter Lehrer sein, denn
beim abendlichen „Kochduell“ unterliegt er einer Passagierin. Das
„Atlantik“ offeriert ein viergängiges Spargelmenü. Und so mancher
verkostet erstmals Spargeleis mit Erdbeeren in Balsamico. Krönender
Abschluss eines gelungenen Tages die eigens für Mein Schiff konzipierte
Show „Aqua.“ Ein opulentes und sinnliches Spektakel für Augen und Ohren.
Sommersonnenwende
Bewölkt, Regenschauer, frische Brise aus Nordwest, Höchsttemperatur
sieben Grad. Da zieht man sich gerne zurück. Die Bewohner der Suiten und
Junior-Suiten haben exklusiven Zugang zur X-Lounge, Sekt, Wein,
Erfrischungsgetränke, Snacks, Kuchen, Sandwiches und Internetzugang von
morgens neun bis abends sieben inklusive. Der dazugehörige Concierge
kümmert sich um so lästige Kleinigkeiten, wie Ausflugsbuchungen oder
Reservierungen im Spa und in den Spezialitätenrestaurants. Otto
Normalverbraucher dagegen muss sich selbst anstellen und in die
zahlreichen Bars und Lounges ausweichen.
Der nördlichste Punkt Europas ist das Nordkap zwar nicht (der liegt auf der nicht weit entfernten Landzunge Knivskjelodden), trotzdem ist das 307 Meter hohe Felsplateau das wohl beliebteste Reiseziel Norwegens. Vor allem, wenn zwischen Mai und Juli auf 710 10‘ 21‘‘ nördlicher Breite weder Wolken noch Nebel den Blick auf die Mitternachtssonne versperren. Glutrot scheint sie im Meer zu versinken, um gleich wieder aufzusteigen. Mein Schiff allerdings liegt nur vormittags vor Honningsvag. Was ganz Wagemutige nicht davon abhält, die 35 Kilometer lange, stetig ansteigende Strecke zum Kap per Fahrrad zurückzulegen. Respekt! Pommernrind, internationales Premiumbeef und Boston Lobster finden sich auf der Karte vom „Surf & Turf.“ Gewürzt wird am Tisch. Mit peruanischem Inka-Sonnensalz, Rauchsalz aus Dänemark, persischem Blausalz oder rosa Himalaya-Salz.
Als Nidelva gegründet, als Nidaros erste Hauptstadt Norwegens, ist Trondheim heute kulturelles wie religiöses Zentrum des Landes. Und noch immer Krönungsstätte norwegischer Könige. Nächster Aspirant ist Kronprinz Haakon mit seiner Mette-Marit. Weilt die königliche Familie in der Stadt, steigt sie im größten Holzpalais Skandinaviens ab, dem zweistöckigen, in einem eigenwilligen Rokoko-Stil erbauten Stiftsgården mit 140 Zimmern. Der 120 Meter hohe Fernsehturm erlaubt einen perfekten Blick über Stadt und Fjord. Und eben dort hat das Forschungsschiff Gunnerus vor knapp einer Woche über einhundert Grindwale gesichtet. Geir Johnsen, Meeresbiologe auf dem Forschungsschiff, schwärmt im Internet von „einem Happening für uns Wissenschaftler.“ Denn man komme nur selten sehr nahe an die Tiere heran.
Regenschirm nicht vergessen
Denn in Bergen regnet es an 275 Tagen im Jahr. Heute allerdings
überschreitet das Thermometer problemlos die 20-Grad-Marke. Und erstmals
während unserer Reise wird das Schiebedach über der „Fressmeile“ von
Deck elf geöffnet – das italienische „La Vela“, spanische „Tapas y Mas“
und deutsche „Gosch Sylt“ in fast mediterranem Flair. Ein Spaziergang
durch die engen Gassen von Bryggen, dem alten Hanseviertel, ist wie eine
kleine Zeitreise. Wenige Schritte entfernt, herrscht am Fisketorget
(Fischmarkt) dichtes Gedränge. Vom Fløyen, dem rund 300 Meter hohen
Hausberg, hat man die beste Aussicht auf dieses malerische Ensemble –
bequem mit der Standseilbahn zu erreichen.
Freunde klassischer Musik machen sich auf nach Troldhaugen. Am Ufer des
Sees Nordås komponierte Edvard Grieg seine wohl bekanntesten Stücke.
Nicht weit von der 1992 niedergebrannten und mittlerweile renovierten
Fantoft Stabkirche.
Und?
Natürlich hat TUI Cruises die Kreuzfahrt nicht neu erfunden. Mein Schiff
will die Lücke zwischen klassischem Kreuzfahrt- und Clubschiff
schließen. Noch ist nicht alles perfekt, aber die Freundlichkeit der
Crew gleicht manches aus. Wenn sich Abläufe eingespielt haben, die
Ausbesserungsarbeiten endgültig abgeschlossen und kleinere Mängel (wie
etwa die Lautsprecherdurchsagen) behoben sind, ist Mein Schiff
tatsächlich mein Schiff. Und bis dahin eine sehr gute Alternative. Oder
um es mit den Worten des – privat – mitreisenden Udo Lindenberg zu
sagen, „Ich ziehe meinen Hut.“






